Die Österreicher lösen sich vom absoluten Sport-Image und schicken ihre Supermoto auf grosse Tour. Entstanden ist eine kraftvolle, aber dennoch unkomplizierte, bequeme Langstrecken-Supermoto. Text: Tobias Kloetzli Bilder: Herwig Peuker, Redeye
Mit der Vorstellung ihres 950er-LC8-Motors mit rund 100 PS, dem ersten KTM-V2 überhaupt, betrat die damals noch als Offroad-Factory bekannte österreichische Marke 2002 Neuland. Nach der Dakar-erprobten KTM Adventure folgten mit dem Powertwin die Supermoto, die Superduke und die Superenduro. Im Rahmen der ständigen Weiterentwicklung und Verfeinerung erhielt der V2 eine Einspritzung und wurde auf 999 ccm erweitert.
In der RC8 R, dem KTM-Superbike, ist er heute sogar bereits mit 1195 cm3 und 170 PS im Einsatz. Obwohl die KTM Sportmotorcycles AG neben ihrem Standbein im Gelände auch den Weg auf die Strasse gefunden hatte, blieb sie ihrem Namen stets treu und baute kompromisslose Sportmaschinen fürs Grobe. Mit der 990 Adventure und der 690 Duke bieten die Österreicher inzwischen heute auch feine und unkomplizierte Motorräder, die nicht nur den «bösen Jungs» taugen.
KTM auf Reisen
Und die Reise geht weiter: Mit der 990 SM T erweitert KTM ihre vielseitige Supermoto-Familie um eine ganz neue Spezi: die erste Reise-Supermoto. Das «T» in der Namensbezeichnung steht für Travel. Der im Alltag bereits etablierte Supermoto-Geist geht nun also auf Reise! Für die grosse Tour erhielt die Travel-Supermoto eine rahmenfeste Frontverschalung mit Windschild, Handprotektoren und eine breitere, 2 cm niedrigere Stufensitzbank. Dazu eine grosszügige Gepäckträgerplatte und serienmässige Halterungen für das KTM-Koffersystem.
Der kultivierte, 115 PS starke LC8-Motor aus der Supermoto kam unverändert auch in der SM T zum Zug. Ebenso die Marchesini-Fünfspeichenräder sowie die Brembo-Doppelscheibenbremse mit radialen Vierkolbenzangen und radialem Geberzylinder. Der Rahmen blieb unangetastet, den Federweg der voll einstellbaren WP-Gabel kappten die Entwickler um 40 mm auf 160 mm, der des Federbeins um 30 mm auf 180 mm. Mit wenigen Anpassungen wurde die SM T für die Reise getrimmt, dementsprechend dürfte sie sich auch im Charakter nicht weit von der ursprünglichen Supermoto entfernen.
Sport und Komfort
Richten wir uns also auf der SM T für die grosse Tour ein. Die niedrigere Sitzbank erlaubt Fahrern ab knapp 170 cm einen sicheren Stand. Im Gegensatz zur Standard-Supermoto ist man auf der Travel-Version stärker im Fahrzeug integriert. Der breite Lenker baut eine Spur höher, aber auch die vor dem Fahrer thronende Frontverschalung unterstreicht dessen Integration. Aufrechter und entspannter als auf der Supermoto hat der Reisende dennoch eine sehr fahraktive Haltung.
Sitzhaltung
Der unveränderte 19-Liter-Tank bietet einen beachtlich guten Knieschluss. Auf der Stufensitzbank zur Gewichtsverlagerung rumrutschen ist aber nur noch eingeschränkt möglich. Der Kniewinkel fiel eine Spur enger aus, blieb aber immer noch vergleichsweise gross.
Sattes Drehmoment
Der bereits bekannte 990er-Motor zeigt sich kultiviert und gutmütig. Im Stadtbetrieb nimmt er ab knapp 2500/min ohne Murren Gas an und wartet bald mit einem satten Drehmoment auf. Von heiserem Ballern begleitet lässt es sich zwischen 3000 und 5000/min gemütlich und entspannt durch die Gegend cruisen. Die Lastwechselreaktionen fallen so gering aus, dass ihnen keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Vibrationen sind vorhanden, aber nicht störend, die Kraftentfaltung nicht aggressiv, für ausreichend Vortrieb ist dennoch stets gesorgt – die Welt ist in Ordnung!
Erhöhtes Reisetempo
Mag sein, dass ich ein ungemütlicher Typ bin, ein Wunderfitz sowieso. Möglicherweise liegts auch nur an der pflichtbewussten Arbeitsmoral des Testers. Jedenfalls muss ich nun einfach wissen, was geht, wenn man dem Gaul mal ordentlich die Sporen gibt – schliesslich will ich doch auch auf der Reise zwischendurch etwas Action. Hemmungslos drehe ich also den zweiten Gang aus: Schon bäumt sich die KTM respekteinflössend auf und beweist, dass sie bei aller Gutmütigkeit bei Bedarf immer noch die Krallen ausfahren kann – sie hat die Familientradition des Jagens also noch im Blut.
Leistungsexplosion
Trotzdem ist die Welt auch jetzt noch in Ordnung, denn der 990er glänzt auch im oberen Drehzahlbereich mit einer gut berechenbaren Kraftentfaltung. Für die Hatz passt der Drehzahlbereich zwischen 4000 und 7000/min besonders gut. Hier ist stets ein sattes Drehmoment abrufbar – bei 7000/min immerhin knapp 100 Nm. Ohne Hänger oder überraschende Leistungsexplosion reisst mich der DOHC-V2 auf die Gerade hinaus und dreht bei Bedarf auch an der Nenndrehzahl von 9000/min (115 PS) vorbei in den Begrenzer, der dem Drehzahlexzess bei 9700/min ein Ende setzt.
In der oberen Hälfte des breiten Drehzahlbereichs fallen die Lastwechsel des Motors naturgemäss ausgeprägter aus. Hier wird vom Sportfahrer beim Ansgasnehmen deutlich mehr Fingerspitzengefühl verlangt. In diesem Bereich sind auch die Vibrationen recht ausgeprägt, allerdings beschränkt sich die Aufnahmekapazität des Piloten beim Auskosten der vollen Leistung sowieso auf andere Faktoren.
Bremsen
Unkompliziert sind auch die Bremsen. Die vorderen Brembos packen nicht zu aggressiv zu, lassen sich ausgezeichnet dosieren, verzögern bei Bedarf aber brachial. Die Hinterradbremse agiert gutmütig und ist selbst mit Crossstiefeln präzise dosierbar.
Auf Supermoto-Reise
Die SM T hat gegenüber der Supermoto 5 kg zugelegt, zeigt sich dennoch sehr handlich, aber nicht kurvengierig. Ohne speziellen Kraftaufwand lässt sie sich abwinkeln, fällt aber nicht lechzend in Schräglage. Auch Aufstellmoment ist nur gerade so viel vorhanden, dass der Schräglagenwinkel sicher dosiert werden kann. Die Reise-Supermoto gibt sich also sehr unkompliziert und neutral, liefert dabei aber stets ein klares Feedback.
Bei aller Handlichkeit glänzt sie, dank geglückter Abstimmung und rahmenfest montierter Frontverkleidung, mit sicherem Geradeauslauf. Der Traveller wird also auch im erhöhten Reisetempo nicht übermässig gefordert. Im Stadtverkehr, beim Wenden oder Rangieren verwöhnt die SM T mit einem engem Lenkeinschlag und ausgezeichnet dosierbarer Kupplung.
Fahrwerk: Sehr variabel
Für die (mit Werkzeug) voll einstellbaren WP-Federelemente hat KTM drei Settings (Standard, Komfort und Sport) zusammengestellt und deren Einstellungen auf einem Kleber unter der Sitzbank vermerkt. In der Grundeinstellung (Standard) wurde ein guter Kompromiss gefunden: Auf schlechten Strassen zeigt sich die KTM erstaunlich komfortabel, ist aber auch bei zügigem Angasen kaum an die Grenzen zu bringen.
Einzig nach Bodenwellen in schnellen Kurven schaukelt sich die SM T leicht auf. Wers zackig angeht, findet in der Sportabstimmung eine satte Strassenlage und glasklares Feedback, bekommt aber deutlich mehr Schläge ab. Für bequemes Gondeln verwöhnt die Komfortabstimmung am besten.
Reise-Equipment
Die SM T ist mit ihrer bequemen, aber dennoch nicht zu weichen Sitzbank und der Frontverschalung für die Langstrecke gerüstet. Der Körper wird gut und wirbelfrei vom Wind geschützt. Auch bei Autobahntempi ist man höchstens von den Schultern aufwärts und an den Oberarmen dem Wind ausgesetzt. Die eigens für die T entwickelten, blitzschnell an den Endtöpfen montierbaren 13-Liter-Seitenkoffer kosten im Set Fr. 583.–.
Rundgang um die Supermoto T - gefilmt an der Swiss-Moto 2009:
Neben der Hecktasche (12–18 Liter) für Fr. 276.– (inkl. Montagekit) hat KTM auch einen Tankrucksack (Fr. 269.–) und verschieden grosse Topcases im Zubehörprogramm. Leider fehlt jedoch noch ein ABS-System im Programm. Das sei mit dem Supermoto-Fahrstil nicht zu vereinen, meint KTM.
Die Österreicher haben wieder ein neues Kapitel aufgeschlagen. Die SMT kostet mit Fr. 19 '140.– einen Tausender mehr als die SM, ist am ehesten mit der Ducati Multistrada 1100 vergleichbar, kostet aber rund Fr. 1500.– mehr als die seit Jahren erhältliche Italienerin.
Im Soziusbetrieb:
Zwei Fliegen auf einen Schlag
Beim Betrachten der ersten Bilder im Herbst 2008 mochte die KTM 990 SM T noch als halbherziges Bekenntnis wirken. Die ausgedehnten Probefahrten durch das portugiesische Hinterland bewiesen aber, wie ernst die SMT gemeint ist.
Auf der vielseitigen 300-km-Tour über Strassen aller erdenklicher Beschaffenheiten bewies die Travel-Supermoto ihre Vielseitigkeit. Dass KTM ihre Kundschaft weder im Schaukelstuhl noch im Sofa auf die Reise schicken würde, war klar, dennoch fiel die SM T so bequem und unkompliziert aus, dass keinerlei Beschwerden oder Ermüdungserscheinungen auftraten.
KTM ist seinen Idealen nicht untreu geworden, geht aber Kompromisse ein und erweitert ihr Kundenprofil um eine Gattung. Supermoto-Feeling soll nicht nur hartgesottenen Feierabend-Racer, sondern auch Tourenfahrern schmackhaft gemacht werden. Lassts euch schmecken!
Fazit
Ohne gelobte Sportlichkeit der Supermoto zu verwässern, fand KTM für Fernfahrer einen guten Kompromiss. Zum Motor mit seinen vielseitigen Qualitäten gibts jetzt auch eine noch vielseitigere Supermoto. Anständigen Windschutz, bequeme Sitzbank und Transportmöglichkeiten fürs Gepäck. Nur wers spektakulärer und noch sportlicher will, wird die SM oder noch besser die SM R bevorzugen.
nachdem ich den Fahrbericht aufmerksam studiert habe, kann ich mich dem Fazit des Tests guten Gewissens anschließen. Seid Anfang Mai habe ich mich nach einigen Testfahrten entschlossen von Honda zu KTM zu wechseln.
Wenn man in das gewisse Alter kommt und der Kniewinkel nach langer Zeit mitl einer wunderbaren Blade auf Dauer zu Schaffen macht, muss man sich einfach umorientieren.
Dieses ist mit dem Wechsel zu dieser genialen Supermoto in hervorragender Weise gelungen.
Ich kann diese Maschine nur jedem ans Herz legen, der vom Rennstall in ein etwas gemächliches Ambiente wechseln will.
Auch wenn der Preis etwas Abschreckend wirkt, stellt man doch nach relativ kurzer Zeit fest, dass sich die Investition gelohnt hat.