Mit dem jüngsten Midnight-Star-Modell bringt Yamaha einen konsequent für Einsteiger konzipierten, leicht beherrschbaren Cruiser, dem man diese Ausrichtung jedoch nicht ansieht, weil er in jeder Beziehung ausgewachsen daherkommt. Text: Markus Schmid Bilder: Tom Riles
Wir reiten durch die Wälder der südlichen Ausläufer der Appalachen im Norden des US-Bundesstaates Georgia. Die Sonnenstrahlen des «Indian Summer» lassen die Wälder in einer Farbenorgie aus Goldgelb, Blassgrün und Ahornrot explodieren. Die Welt ist wunderschön. Besonders dann, wenn das Pony unter dir alles mitmacht, auch einen harten Geländeritt. Aber davon später.
Was ist ein Pony?
Für den Laien ist ein Pony ein Westentaschenpferd für Kinder. Klein, kurzbeinig, pummelig, mit üppiger Mähne und langhaarigem Fell. Richtig und falsch. Es gibt solche Ponys. Und es gibt andere, mit bis zu 147,3 cm «Stockmass», der Höhe am Widerrist gemessen, die also fast gleich hoch sind wie viele Pferderassen, dabei schlank und muskulös. Typisch aber für Ponys ist, dass sie üblicherweise genügsamer, ausdauernder und trittsicherer sind als von der Statur her vergleichbare Pferderassen. Ideal also für Anfänger in Sachen Reiten.
Tiefe Sitzhöhe
Mein «Pony» mit zwei Rädern ist so eines. Der Sattel befindet sich gerade mal 675 mm über dem Strassenbelag, das Aufsteigen ist etwa gleich schwierig, wie zwei Treppenstufen in einem Anlauf zu nehmen. Ideal also für den Neuling. Dann folgt der einzige notwendige Kraftakt, bei dem man etwas von den knapp 280 Kilo (vollgetankt) spürt, das Hochwuchten vom Seitenständer, was aber dank tiefem Schwerpunkt und gutem Hebel am breiten Lenker easy geht.
Genau wie das Rangieren, denn dabei klappt die Lenkung nicht – zack! – bis an den Anschlag ein, sobald mit mehr als der Hälfte des Lenkeinschlages manövriert wird. Eine Eigenart, die bei den meisten Cruisern dieser Gewichtsklasse – auch den grösseren Midnight-Star-Modellen von Yamaha mit 1300 und 1900 cm3 – der Fall ist und Gewöhnung verlangt.
Wir reiten Rodeo
Wir swingen also über die kurvigen Landstrassen, wie man sie bei uns im Jura antrifft, und durch die Wälder. Aus dem Trab wird ein flüssiger Galopp, die Steigbügel – äh – natürlich die klappbaren Trittbretter streifen mit ihren austauschbaren Schleifkanten in jedem Bogen, die starr am Rahmen verschweissten Trittbrettträger in jedem zweiten.
Und als nach einer Kuppe die Kurve zuzieht, geht die Linie des Vordermanns plötzlich nicht mehr auf, die Schräglagenfreiheit ist aufgebraucht, funkensprühend rauscht die Midnight Star mit Tempo 80 vom Teer ins abfallende Strassenbord. Dann wirds «bumpy»! Mit jedem Grashügel hüpfen Fahrer und Bike höher, wie ein Bronco springen die beiden durchs hohe Gras, das 42-Liter-Packtaschenpaar aus der Serienzubehörliste winkt fröhlich vom Heck. Wider Erwarten kriegt der Motocross-erfahrene Piet die Kiste wieder in den Griff, zirkelt sie zurück auf die Strasse.
Ausgezeichnete Federung
Das hat zwar mehr mit Rodeoreiten zu tun als mit Cruiserfahren, aber eben auch etwas mit Federelementen. Die sind in der Midnight Star perfekt abgestimmt. Obwohl mit besonders hinten (110 mm) kurzen Federwegen sind sie dank perfekter Dämpferprogression über praktisch jede Unebenheit, vom Belagsübergang bis zum ausgewachsenen Schlagloch, erhaben. Das hintere Zentralfederbein lässt sich in seiner Basis mit dem im Bordwerkzeug vorhandenen Hakenschlüssel (!) sogar in neun Stufen einstellen.
Gutmütiges Fahrverhalten
Piet hätte die Rodeoeinlage nicht zwingend absolvieren müssen, wenn er nicht in Motocrossmanier die Maschine in die Kurve gedrückt, sondern seinen Körper hineingelegt und die Maschine etwas aufgerichtet hätte. Denn die erwähnten Trittbrettträger streifen zwar relativ früh, die Maschine verhält sich dabei aber völlig unproblematisch, beschreibt einfach einen weiteren Kurvenradius, ohne den Grip am Vorderrad zu verlieren.
Körpergerechtes Design
Kommen wir zu den wichtigen Dingen. Was haben Einsteiger in die Töffwelt mit klein gewachsenen, erfahrenen Töfffahrern und Töfffahrerinnen gemeinsam? Allen hilft es, wenn die Sitzhöhe eines Bikes möglichst niedrig ausfällt und der Lenker nicht meterweit vor der Sitzbanknase liegt.
Hier haben die Yamaha-Techniker angesetzt. Mike Ulrich, Testfahrer bei der US-Marke von Yamaha, «Star Cycles», dazu: «Die Midnight Star 950 ersetzt ja die Drag Star 650, die wir aus dem Programm nahmen, weil wir die Abgasnormen nicht mehr schafften. Auf der 650er bin ich mir mit meinen knapp 190 immer blöd vorgekommen. Du sassest tief zwischen Tank und Soziuspolster, mit stark angewinkelten Knien, alles war eng und kurz. Die 950er ist gestreckter, du fühlst dich wohl, sitzt obendrauf. Trotzdem erreichen Kurzgewachsene dank Pullback-Lenker und der schlanken Linie von Tank und Sitzbanknase die Bedienelemente gut.» Recht hat er.
Motor: Punchen und Drehen
Wer einen Cruiser für die USA – und für Europa – baut, kommt am Vorbild Harley und damit an einem luftgekühlten V2-Motor nicht vorbei. Wasserkühlung würde zwar wegen der konstanteren idealen Arbeitsbedingungen des Motors die Schadstoffwerte reduzieren, der nötige Kühler mit seinen Schlauchleitungen stört aber das Bild.
Yamaha hat für den 950er-Cruiser das Motorkonzept der XVS 1300 A modifiziert. Unter Beibehaltung des Hubs von 83 mm enstand durch die Reduktion der Bohrung von 100 mm auf 85 mm aus einem Kurzhuber ein nahezu quadratisches Hub-Bohrung-Verhältnis. Man liess die Ausgleichswelle weg, und natürlich wurden Zylinderkopf- und Kurbeltrieblayout an die neuen Dimensionen angepasst, ebenso wie Kupplung und Getriebe an die geänderten Leistungsdaten.
PS: Fühlt sich nach mehr an
Beim ersten Blick auf das Datenblatt der 950er denkt man sich erst unverholen: Na ja, knapp 55 PS für 280 kg … wie geht das wohl vorwärts? Keine Angst! Anfahren geht mit wenig mehr als der Standgasdrehzahl von 1000/min, ab da gehts unbeirrbar vorwärts. Bis gut 2000/min ist zwar nicht der urige Bumms eines Big-Block-V2 da, aber du fährst dank ideal abgestuften Getriebestufen und Endübersetzungen automatisch immer im Bereich des maximalen Drehmoments von 77 Nm bei 3500/min.
Zieht auch unterourig los
Das bedeutet in den einzelnen Gängen Tempo 40, 60, 80, 95 und 105. Real bummelt man schon innerorts oft im vierten Gang. Mit kernigem Bollern, das aber nicht aus dem Auspuff, sondern aus der mittels Sound-Engineering scharf gemachten Airbox stammt, zieht der V2 auch untertourig los.
Das Erstaunliche aber ist, dass er ganz anders als frühere Cruiser-Antriebe von Yamaha (und anderen) nicht oberhalb des Maximaldrehmoments träge wird, was bei Ungeübten während eines engen Überholvorgangs für Angstschweiss sorgt, sondern mit steigender Drehzahl auch immer forscher zieht bis zur Maximalleistungsdrehzahl von 6000/min. Das heisst, in den einzelnen Gängen sind massig Speedreserven vorhanden, theoretisch würde die 950er im letzten Gang etwa 185 laufen, wozu aber die PS nicht reichen täten, was aber keinen interessiert.
Kaum Vibrationen, gutes Getriebe, gute Bremsen
Der Durchzug jedenfalls gefällt, der Sound auch, Vibrationen fallen trotz des starr in einer Vierpunktaufhängung mit dem Rahmen verschraubten Triebwerks dank Gummilagerung von Lenker und Trittbrettern nie negativ auf. Unter dem Strich wirkt der Antrieb «wie ein Grosser». Das Getriebe? Leicht schaltbar. Die Bremsen: vorne mit zwei Fingern perfekt bis zum Radblockierer dosierbar, hinten ebenso tadellose Rückmeldung.
Was noch? Schlau hat Yamaha auf jeden Hinweis auf den Hubraum am Motorrad verzichtet. Die XVS 950 wirkt gross, fährt sich wie eine Grosse, und damit basta.
Fazit
Der neue «kleine» Cruiser von Yamaha ist ein Ausgewachsener, auf dem sich auch Kleingewachsene sofort wohl fühlen. Dazu bietet er ein sehr ausgewogenes Fahrwerk ohne Macken und einen luftgekühlten Motor, der das gesunde Drehmoment genau dort anbietet, wo es gebraucht wird. Insgesamt ein stark gestyltes Wohlfühlpaket für Einsteiger.
Dank gutmütigem Fahrverhalten und niedriger Sitzhöhe ist die Midnight Star auch für Frauen sehr geeignet:
Detailfotos:
Der Tachometer:
Der Riemenantrieb:
Das Vorderrad mit Einzelbremsscheibe:
Der V-2-Motor:
Und so sieht die Midnight Star mit Zubehörwindshield, Zubehör-Sissy-Bar und Zubehörkoffern aus - gerüstet für die Reise zu Zweit: