Es ist nicht leicht, Gutes noch besser zu machen. Kawasaki zeigt mit der überarbeiteten ER-6n, dass das doch geht. Text: föfö Bilder: Ward, Wright, Meppelink, Reygondau
Drei Engel für Charlie: eine jede Kawasaki ER-6n ein Hingucker, die auch im Hafen der Reichen von Port D'Antrax eine gute Figur machen.
Ich habe dir sogar ein Testbike anzubieten,» lockte mich letztes Jahr ein Reiseveranstalter. Eine neue ER-6n stehe für die Dauer meines Aufenthalts in der Ardèche zur Verfügung. Vor dem Hotel stand dann dieses Testbike. Klein, poppig, grellgelb. Grellgelb? Das ging ja wohl gar nicht. Als Signalboje fahre ich nicht über die französischen Strassen.
Man will nicht mehr absteigen
Vierundzwanzig Stunden später dann der Meinungswandel: Ich wollte von dem quirligen Flitzerchen gar nicht mehr absteigen. Noch schnell ein wenig Pfeifentabak holen? Nehme die ER-6n. Schnell zum Markt in Le Vans? Nur mit der ER-6n. Dem Pässchen hinter Aubenas einen kurzen Besuch abstatten? Selbstverständlich per ER-6n.
Etwas muskulösere Formen
Ein Jahr später. Ich blinzle geblendet in die Oktobersonne über Mallorca. Schon jetzt am Morgen ist es angenehm warm, es verspricht ein geiler Motorradtag zu werden. Vor uns die überarbeiteten ER-6n. Gut sehen sie aus, ein wenig muskulöser, doch die typischen, fast schon spielerischen ER-6n-Formen wurden gottlob beibehalten. Was man von den Farben nicht behaupten kann – ebenfalls gottlob.
25 Prozent Frauen
Ein Einsteiger- und Aufsteiger-Töff in reinem Schneeweiss, das ist obercool. Ausserdem dürfte diese Farbe bei den Damen so viel Endorphine ausschütten wie der Anblick eines Prada-Handtäschchens. In der Vergangenheit griff das weibliche Geschlecht bei der ER-6n tüchtig zu: 25 Prozent der Neukäufer waren Frauen. Doch auch wir Männer geiferten dem Naked Bike nach. 2006 stand es sogar mit über verkauften 540 Exemplaren an der Spitze der Schweizer Zulassungsstatisik.
Zum Verleichen:
Kawasaki ER-6n,
Jahrgang 2008
Kawasaki ER-6n,
Jahrgang 2009
Das offizielle Werbevideo von Kawasaki zur 2009er ER-6n:
Aufgesessen!
Die kleine ER-6n fühlt sich fast schon wie ein Spielzeug unter mir an. Trotz meiner fast 1,9 Meter Länge finde ich einen guten Knieschluss. Aufgrund der tiefen Sitzposition und des niedrigen Fahrzeuggewichts ist die ER-6n aber insbesondere Kleingewachsenen und Anfängern zu empfehlen. Und falls 785 mm Sitzhöhe doch noch zu hoch sind: Im Kawasaki-Zubehörkatalog gibt es eine Sitzbank zu kaufen, die noch einmal um 25 mm tiefer und 10 mm weniger breit als das Serienteil ist.
Christina aus Österreich ist für eine Frau circa mittelgross gewachsen. Ihr seht, dass sie selbst mit Sandalen absolut problemlos den Boden erreicht:
Leider kein Hörgenuss
Der Druck aufs Startknöpfchen bringt dann allerdings die erste Enttäuschung punkto Sound: In tiefen Drehzahlen erinnert mich die ER-6n an ein Raupenfahrzeug, das ich einstmals für ein paar Wochen über eine Baustelle pilotieren durfte. Der neue Kawasaki-Schalldämpfer hat zudem die Eigenschaft, zuweilen ein leichtes «Pfuff» – quasi einen Abgasrülpser – von sich zu geben. Vermutlich läuft die ER-6n etwas zu mager. Gegen den mangelnden Sound empfehle ich einen anständigen Zubehör-Endschalldämpfer.
Massenzentrisch ideal platziert, aber leider kein Hörgenuss: Orginal-Endschalldämpfer der ER-6n:
Neue Agilität
Doch nun folgt der Ritt über die Küstenstrasse. Lustvoll lässt sich das quirlige Bike in die Kurven werfen, und schon nach wenigen Metern ist klar: Punkto Fahrspass hat die ER-6n weiter zugelegt. Verantwortlich hierfür ist hauptsächlich der neu konstruierte Stahlrohrrahmen, der etwas weniger steif als sein Vorgänger ausfiel. Dafür wurde die Schwinge – ebenfalls eine komplette Neukonstruktion – etwas steifer.
Egal, ob Rechts- oder Linkskurve, die ER-6n ist immer erste Wahl:
ABS-Bremsen
Bei einem etwas zu optimistischen Überholmanöver meinerseits darf ich die Bremsen der ER-6n dann voll auskosten. Überholmanöver abbrechen, voll in die Eisen steigen, wieder in die Autokolonne einreihen. Vorn und hinten regelt das ABS-Helferchen sauber ab. Apropos ABS: Auch die neue ER-6n gibt es ohne ABS zu kaufen – doch ich rate hiervon energisch ab. Nicht nur aufgrund des Sicherheitsplus beim ABS-Modell und dessen höheren Wiederverkaufswertes. Nein, die Bremsbeläge der beiden Versionen sind unterschiedlich, und mit denjenigen der ABS-Version lässt sich deutlich besser bremsen.
ABS-Bremsanlage mit Wavebremsscheibe (Kawasaki nennt das Petaldesign). Wer die Nicht-ABS-Version wählt, ist selbst schuld: die Bremsbelänge sind deutlich schwächer:
In höheren Drehzahlen richtig Power
Mittlerweile haben sich die Drehzahlen bei rund 7000/min eingependelt. In dieser Region hat die ER-6n richtig Power, der Reihentwin dreht lustvoll weiter hoch und offeriert enormen Fahrspass. Nur ganz unten im Drehzahlkeller wirkt die ER-6n etwas mürrisch. Kawasaki verweist in den technischen Daten zwar darauf, dass die überarbeitete Einspritzung besseres Ansprechverhalten bringen würde – aber de facto ist man froh, wenn man wieder in den höhen Drehzahlregionen «herumschwimmen» darf.
Gutmütiger Gefährte auf allen Touren, der beim Aufdrehen sogar richtig Powerfull ans Werk geht: Zweizylinder-Reihenmotor von Kawasaki:
Vibrationen ade
Vielleicht noch ein Wort zu den Vibrationen – respektive deren Nichtvorhandensein. Der Gegenläufer-Paralleltwin der ER-6n hat den Vorteil, dass er sehr kompakt baut (was wiederum zum Teil das easy Handling der Maschine erklärt) – andererseits tendiert diese Motorenbauart zu starken Vibrationen bei höheren Drehzahlen. Kawasaki dämmt sie durch eine Ausgleichswelle und die Lagerung des Motors in Silentblöcken ein. Auch der Lenker und sogar die Fussrasten sind in Gummi gelagert. Dies klappt bis Tempo 160 km/h recht gut, danach sind deutliche Vibrationen zu spüren. Aber auf der Autobahn sind Dauergeschwindigkeiten jenseits von 150 km/h ja sowieso kaum erträglich …
Bravo: Wenig Verbrauch
Über das Getriebe und die Kupplung müssen kaum Worte verschwendet werden – beide funktionieren gut und präzise. Die Kupplung arbeitet per Seilzug und nicht per Hydraulik – aber sie ist derart leicht zu betätigen, dass selbst Palmolive-gepflegte Damenhände kein Problem damit haben dürften. Und auch die Sparfüchse kommen auf ihre Kosten: Der Verbrauch der neuen ER-6n dürfte kaum gestiegen sein. Dass die alte ER-6n locker mit 4,5 Liter Benzin auf 100 km klarkam, ärgerte bisher nur die Tankstellenpächter.
Das meint die reizende Christina von Kawasaki Austria zur neuen ER-6n:
...und hier kommt Kawasaki-Importeur Freddy Oswald gleich selbst zu Wort:
Superflink, superagil
Für ein paar Detailfotos manövriere ich die ER-6n in die Teutonenhochburg Port d’Antrax hinunter. Mein hübsches Maschinchen erntet viele neugierige Blicke – auch die neue ER-6n dürfte sich deshalb vordergründig über das freche Design verkaufen. Doch eben nicht nur, neben dem guten Fahrwerk, dem drehfreudigen Motor und den gutmütigen ABS-Bremsen vermittelt einem die ER-6n vor allem eins: Sicherheit. Auf dem Villenhügel verfahre ich mich nämlich und lande in einer stark abschüssigen, engen Sackgasse. Mit fast allen anderen Bikes wäre ich nun arg ins Schwitzen geraten. Nicht so mit dem leichten Funbike: Ein paarmal den Lenker voll eingeschlagen, ein wenig herumgefüsselt, und schon kann ich mit der Kawa wieder den Hügel hochfahren.
Links der Hafen von Antratx auf Mallorca, rechts die wild-romantische Nordküste - das ideale Revier für dieses Motorrad:
Tolle Verarbeitungsqualität
Zurück im Hotel, entdecke ich dann noch eine weitere, extrem positive Seite der neuen ER-6n. Kawasaki hat sich nämlich den grössten Kritikpunkt an der bisherigen ER-6n, die mässige Verarbeitungsqualität, sehr zu Herzen genommen. Die neue ER-6n strotzt daher nur so von edlen Detaillösungen. Ein paar Beispiele gefällig? Die Schwinge mit dem tollen Kettenspannmechanismus ist eine Augenweide. Und wenn man die Soziusraste ausklappt, tönt es, als würde eine Mercedes-Tür zugeknallt: ober-ober-wertig! Eine solche Verarbeitungsqualität gibt es bei der Konkurrenz auch – allerdings erst in den oberen Hubraumklassen.
Christina zeigt uns den tollen Kettenspannmechanismus
Auch eine Augenweide:
die Soziusgriffe aus Alu
Markterwartung: wird ein Big Seller
Womit wir bei den Markterwartungen sind. Würde mich schon sehr erstaunen, wenn die neue ER-6n nicht mindestens unter die Top 3 der Neuzulassungen kommen sollte. Gerade in diesen turbulenten Wirtschaftszeiten backen auch wir Motorradfahrer gerne etwas kleinere Brötchen. Und mit der neuen ER-6n haben wir reichlich und preisgünstig gegessen.
Fazit
Die neue ER-6n besticht in erster Linie durch ihr den Z-Modellen nachempfundenes Design. Und da die Töffoptik enorm wichtig ist, wird auch die neue ER-6n ein Erfolg werden. Doch darüber hinaus ist sie auch ein prima Allroundbike mit gutmütigem, agilem Fahrcharakter. Ausserdem stimmen Verarbeitungsqualität und Preis.
Designfotos der neuen ER-6N:
Am markantesten ist sicherlich die Front:
Auch die Wasserkühlerabdeckung fällt ins Auge:
Die Form des Tanks wurde nicht gross verändert. Noch immer nimmt er problemlos einen Tankrucksack auf.
Das Heck mit den LED-Lichtern:
Und ein paar Fotos zur Ausstattung:
Das Federbein ist nach wie vor eher soft ausgelegt:
Die Sitzbank ist schmal, aber durchaus bequem. Wer damit immer noch nicht klarkommt, kann im Zubehörkatalog von Kawasaki eine noch tiefer liegende Sitzbank ordern.
Das Cockpit wurde stark überarbeitet. Der Tacho kommt analog daher, der etwas schwierig abzulesende Drehzahlmesser digital. Für ein Einsteigermotorrad wäre eine Ganganzeige nicht schlecht gewesen - die gibt es aber leider nicht:
Unter der Sitzbank ist noch etwas Stauraum. Beispielsweise für ein gutes Bügelschloss:
Gut so: Kawasaki liefert zum schönen Kettenspannmechanismus auch gleich noch etwas Werkzeug dazu, um die Achsmutter auch wirklich lösen zu können:
Auch gut: diese Gepäckhacken ruhen eigentlich unter dem Sitz. Bei Bedarf können sie ausgeklappt werden.
Auch unter dem Heck hat es Verzurrhacken:
Schönes Detail: damit die Schwinge nicht gleich vom Motorradstiefel zerkratzt wird, gibt es Aluschutzbleche.
Heute drehen wir eine Runde: einstellbare Handhebel für kurze und lange Finger:
Und hier noch ein paar Fotos, die belegen, auf welchem hohen Verarbeitungsniveau Kawasaki die ER-6n gehoben hat:
Der Ausgleichsbehälter für die Vorderradbremse ist aus formschönem Aluminium:
Der Ausgleichsbehälter für die hintere Bremse ist ein Plastikdöschen. Aber anstatt das "Urindöschen" irgendwo hässlich an die Seite des Motorrads zu pappen, steckt es unterm Sitz:
Boahh...das ist ein Geräusch. Klappt einmal die Soziusfussraste aus. Das tönt, als wenn ihr eine Mercedes-Autotüre zuschlagen würdet:
Und noch ein Detailfoto des schönen Kettenspannmechanismus. Der sah am Vorgängermodell noch deutlich einfacher aus:
Fürs Zubehör haben wir euch eine eigene Galerie aufgeschalten (hier klicken).
Kein Orginales Kawasaki-Zubehör, aber äusserst sinnvoll, wenn man im Unbekannten herumfährt: Garmin-GPS auf der ER-6n: