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Husqvarna Enduros 2009
26.08.08 18:06

Fahrbericht Husqvarna TE 310 ua

BMW will Husqvarna eine solide Basis schaffen, bevor man in Neukonstruktionen investiert. Trotzdem gibt es zwei Enduro-Neuheiten, beide mit 300 Kubik, die jedoch unterschiedlicher nicht sein könnten. Text: Rolf Lüthi Bilder: Marco Campelli und Alberto Cernetti

Am 19. 7. 2007 war es offiziell: BMW übernahm Husqvarna. Am 1. Oktober des vergangenen Jahres nahm der von BMW eingesetzte Geschäftsführer Rainer Thoma (40) seine Arbeit auf, und mit dem nun präsentierten 2009er-Jahrgang fuhren wir die ersten Maschinen, die unter dem Einfluss der neuen Besitzer gebaut wurden. Äusserlich ist nicht viel zu sehen, und Husqvarna soll bleiben, was es ist: ein Hersteller von sportlichen Offroad- und Supermoto-Maschinen bis 600 cm3 mit Sitz bei Varese in Norditalien.

Joint Venture BMW/Harley

Derweil die neuen Besitzer Husqvarna aus dem MV-Konzern rauslösten und sich in Cassinetta die Biandronno mit einem Erweiterungsbau einrichten, kam Anfang Juli schon der nächste Paukenschlag: Harley-Davidson kaufte dem Besitzer Claudio Castiglioni den Rest ab, nämlich MV Agusta und Cagiva.

Weiterer Vertrieb Husqvarna in der CH

Damit wurde Harley auch Besitzer von Cagiva Motor Suisse, was zu einem unbeabsichtigten Joint Venture von Harley und BMW führt: Harley ist über Cagiva Motor Suisse für den Schweizer Import und Vertrieb der BMW-eigenen Marke Husqvarna zuständig! Innerhalb eines Jahres soll eine andere Lösung gefunden werden.

BMW-Husqvarna

Ein weiteres Kuriosum, das sich aus der Chronologie der Ereignisse ergibt, ist BMWs Doppelspurigkeit im Enduro-Segment: Mit der G 450 X will man unter eigenem Namen Fuss fassen in dieser Szene, dazu ist man ja nun Besitzer der Offroad-Traditionsmarke Husqvarna. Die Händlernetze sollen weiterhin getrennt bleiben, was im Falle von Husqvarna so weit problemlos ist. Die 450er-BMW sollen ausgewählte BMW-Händler mit der nötigen Offroad-Affinität verkaufen.

Zwei neue 300er

Für die Vorerpobung der 09er-Enduros von Husqvarna stehen die Crosspiste von Bellinzago, eine Wiesen-Sonderprüfung und eine Single-Trail-Enduro-Runde zur Verfügung. Neu sind zwei 300er: Mit der WR 300  bekennt man sich zum Zweitakter und will dieses Feld nicht mehr kampflos KTM überlassen, mit der TE 310 i. e. soll der Enduro-Einsteiger angesprochen werden.

Die gesamte Enduroflotte von Husqvarna:

Fahrwerk

Alle Husqvarnas haben ein neues Federbein von Sachs, Wave-Bremsscheiben und einen kompakten Digital-Tacho. Bei den Viertaktern finden wir einen neuen, um ein Kilo leichteren Rahmen mit geänderter Steifigkeit. Im äusserlich unveränderten Viertaktmotor sind zahlreiche interne Details modifiziert, was die Schmierung, die Schaltbarkeit und die Standfestigkeit verbessern soll, dazu gibts einen neuen Auspuff. Nur noch die Einlassventile sind aus Titan, bei den Auslassventilen wurde zugunsten der Standfestigkeit auf Stahl zurückgewechselt.

Es geht etwas bei Husqvarna

Alle Viertakt-Husqvarna basieren auf dem gleichen Motor. Ein neuer, ultrakompakter 250er-Viertakter wird noch diesen Herbst vorgestellt, bleibt aber 2009 dem Crossmodell TC 250 vorbehalten. Erst auf 2010 soll er auch in der Enduro verbaut werden.

Euro 3

Die Zweitakter sind mit neuen Vergasern von Mikuni und Einlassmem­branen bestückt und homologiert nach Euro 3. Die 300er gab es bereits vergangene Saison als Kit für die 250er, nun ist sie offiziell im Programm.
Ein neuer Rahmen samt Schwinge und ein neuer Zylinder mit fünf Überströmkanälen wurde der WR 125  spendiert. Sie soll Nachwuchs zu Husqvarna holen. Bei diesem Vorhaben punktet man mit der moderaten Sitzhöhe, ausserdem gefällt der für einen 125er drehmomentstarke Motor.

Den Einsteiger im Visier

Der 310er-Viertakter liegt recht nahe bei der 250er. Die 450er ist ein bullig-aggressiver Hammer, der ab Standgas ansatzlos losprescht zu grossflächigen Forstarbeiten. Eine eher milde Drehorgel ist die 250er, und auch die 310er muss gedreht werden, wenn man zügig vorankommen will. Im direkten Vergleich verzeiht die 310er mehr Fehler bei der Gangwahl. Wo man mit der 250er unwiderruflich verhungert, rappelt sich die 310er im gleichen Gang nach einer Gedenksekunde zögerlich auf und ackert weiter.

Das Handling ist trotz identischem Rahmen und bauähnlichen Motoren bei den kleinen Viertaktern mit 250 oder 300 ccm viel leichtfüssiger als bei den grossen Hämmern, wobei der neue Rahmen auch an den hubraumstarken Viertaktern fühlbar ist: Für bessere Wendigkeit wurde ein Quäntchen Stabilität geopfert.

Probleme bereinigt

Anlässlich unseres 450er-Vergleichs im letzten Herbst nervte die Husqvarna mit einem unvermittelt absterbenden Motor bei niedriger Drehzahl. Dieses Problem, für das wir damals die elektronische Benzineinspritzung beschimpften, scheint vollständig ausgeräumt. Keine der Testmaschinen zeigte solche Symptome, auch die 510er nicht.

Zweitakt: eine andere Welt

Die von uns gefahrene WR 300 war sehr sportlich abgestimmt. Ungemein kräftiger Anriss schon bei tiefer Drehzahl, hartes, traktionsstarkes Hochdrehen durch ein breites Drehzahlband. Da muss man immer zwei Finger auf der Kupplung haben: Nicht wegen eines drohenden Kolbenklemmers, diese Zeiten sind vorbei, sondern um in höchster Not die Power zu kappen, um Eindetonierungen in fest installierte Hindernisse zu vermeiden. Ist schon was ganz anderes als ein Viertakter!

Mit dem dritten Platz in der Enduro-WM hat der Franzose Seb Guillaume vergangenes Jahr die Wirksamkeit der 300er bewiesen, auch heuer ist er mit diesem Töff auf Medaillenkurs.

Die Traditionsmarke lebt

Wir erinnern uns an die Jahre 2001 und 02, als Husqvarna je drei WM-Titel holte, aber den lechzenden Kunden keine Neumaschinen liefern konnte. Dieses Jahr sieht es nicht nach einem ähnlichen Medaillensegen aus, aber die Töff werden lieferbar sein ­– die weit bessere Konstellation: Spitzenfahrer und WM-Titel kosten Geld, während Hobbyfahrer zwar den Nimbus einer Marke kaum mehren, dafür ihre Töff bezahlen. Der Fortbestand der ältesten permanent existierenden Töffmarke der Welt (nach unseren Informationen wenige Monate älter als Harley) ist vorerst gesichert.


Preisliste Husqvarna-Enduros (Preise 2009 in Schweizer Franken)

Husqvarna WR 125 (Euro 3)

9800.-

Husqvarna WR 250 (Euro 3)

10'400.-

Husqvarna WR 300 (Euro 3)

10'700.-

Husqvarna TE 250

12'000.-

Husqvarna TE 310

12'400.-

Husqvarna TE 450

12'500.-

Husqvarna TE 510

12'800.-


Technische Fotos: wir haben einige technische Details herausgepickt, um sie in Wort und Bild festzuhalten:

1. Bei der 250er- und 300er-WR (beides Zweitakter) verläuft die Kette rechts. Daher befindet sich bei Punkt eins auch nicht die Kupplung sondern die Lichtmaschine.

2. Man beachte die rechts laufende Kette...


Der moderne, wassergekühlte Viertaktermotor der Husqvarna ist für viele Hubräume gut. Aktuell gibt es im Endurobereich 4 Hubraumgrössen:


1. Man beachte die gutgemachten, sinnvollen Schutzvorrichtungen. Im Auspuffbereich verhindern sie ein Verbrennen, im Rahmenbereich sollen sie nicht den Mann, sondern vielmehr den Töff vor Beschädigungen (bsp. Endurostiefel) verhindern.

2. Auch der Seitenständer ist ausgeklügelt und wird, einmal hochgeklappt, hübsch "aus dem Weg" geschafft.

3. Clever und durchdacht: schnelles Radwechseln dank dieser Vorrichtung möglich.

4. Das Federbein (auf dem Foto versteckt) werkelt via Umlenkung.


Auch das Auge fährt ja bekanntlich mit: schönes, spitz zulaufendes Heck. Saubere Schweissnähte am Endschalldämpfer:


1. Die Excel-Speichenhaben ungekröpfte Speichenköpfe

2. Wave-Bremsscheiben

3. Tachokabel

4. Bremskabel


1. Bremsausgleichsbehälter

2. Federn am Auspuffkrümmer halten die Auspuffanlage minim beweglich, ausserdem können so die Vibrationen besser gedämpft werden.

3. Viertakt-Motor mit Doppelnocken und Schlepphebel


1. Angelenktes Federbein von Sachs, einstellbar in Federbasis, High- und Lowspeed-Druckstufe, Zugstufendämpfung.

2. Kühlwasser-Expansionsgefäss

3. Seperater Kupplungsdeckel sorgt für raschen Kupplungswechsel

4. Die Viertakter verfügen neben dem Elektrostarter auch noch über einen Kickstarter.


1. Ölfilter

2. Mächtige und gutgemachte Aluplatte als vollwertiger Motorschutz.



Spezial: Kurz-Interview mitRainer Thoma, CEO von Husqvarna:

Was war ihre Aufgabe bei BMW, bevor sie Geschäftsführer bei Hus­qvarna wurden?
Ich arbeitete in der Entwicklung, zunächst in der Fahrwerksentwicklung, später in der Elektrik. Die letzten acht Jahre war ich verantwortlich für die F- und G-Modelle. Da die G-Modelle bei Aprilia gebaut werden, hatte ich schon Erfahrung in der Zusammenarbeit mit italienischen Partnern.

Wie läuft es nun bei Husqvarna?
Die Verfügbarkeit der Ersatzteile haben wir mit dem Aufbau eines neuen Lagers in der Nähe von Verona stark verbessert. Auch die Lieferbarkeit der Neumaschinen wollen wir verbessern, die Produktion des 09er-Jahrgangs ist bereits angelaufen. Der Ruf von Huqsqvarna ist durch Qualitätsprobleme beschädigt, was wir mit einer besseren Qualitätskontrolle angehen.

Die Produktionsanlagen haben eine Kapazität von 40'000 Stück. Soll diese mit dem Bau von BMW-Maschinen ausgelastet werden?
Nein, das ist nicht geplant. Vom 09er-Jahrgang wollen wir 15'000 Stück bauen, 2010 noch ein paar mehr. Langfristig wollen wir die Kapazität mit Husqvarna voll auslasten. Angesichts der KTM-Zahlen ist das nicht illusorisch.


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