Harley-Davidson wirbt in den USA quer durch die bekannten Modellfamilien (Dyna, Softail usw.) für eine neue Gruppe, für die «Dark Customs». Zuletzt, erst diesen Frühling, zum Club der finsteren Gestalten gestossen ist die neue FLSTSB Softail Cross Bones. Inzwischen ist der Jahrgang ausverkauft. Doch bereits durchfurcht der Frachter mit den unveränderten 09er-Modellen den Atlantik. Also lohnt es sich, an den gekreuzten Knochen (Cross Bones) zu nagen. In Wahrheit wirkt die Maschine bei Weitem nicht so einschüchternd, wie es der Name vermuten liesse.
Solides Eisen
Sie spielt mit ihrem Nachkriegs-Classic-Look eher den guten Kumpel. Solides Eisen, viel Schwarz, wenig Chrom, Speichenräder, ein kurz behauenes vorderes Schutzblech und eines im Bobtail-Stil hinten oder auch der gefederte Sitz machen schwer auf Oldschool.
Dark Customs-Reihe? Hier habt ihr sie:
Am augenfälligsten aus einer anderen Epoche stammt die Vorderradaufhängung mit der Springer-Gabel. Solche Gabeln kamen bei Harley schon früh zum Einsatz, verschwanden in den Fünfzigerjahren wieder und erlebten ihre Renaissance ab 1988. Seither führt Harley eine Springer im Modellprogramm, zuletzt wars die Springer Classic, jetzt ists eben die Cross Bones.
Es federt. Federt es wirklich?
Einst ätzte MSS in einem Fahrbericht, man könne wegen der offen sichtbaren Federn zugucken, wie sie nicht arbeiten. So viel Spott erzürnte die der Marke zugetanen Kreise schwer, auch wenn die Beobachtung richtig war und auch bei der Cross Bones zutrifft: Das aus der Fahrerperspektive sichtbare obere Federpaar reagiert gegen die unteren Hauptfedern beim Eintauchen, agieren also als mechanische Einwärtsdämpfung.
Leichtes Einfedern, etwa über Bodenwellen, lässt die auf Zug belasteten oberen Federn bewegungslos, erst ein Bremstaucher lässt sie reagieren. Der zwischen den Hauptfedern montierte gekapselte Dämpfer wiederum ist nur beim Ausfedern aktiv. Richtig ist auch, dass das Losbrechmoment ziemlich hoch ist und dass die Konstruktion nur geringe Federwege (hier 97 mm) zulässt. Was solls, man muss mit der Cross Bones ja nicht gleich räubern.
Lasche Bremsen
Dieser Rat gilt auch mit Blick auf die matte Leistung der vorderen Einscheibenbremse. Erst in Kombination mit der Fussbremse hinten ergeben sich akzeptable Verzögerungswerte.
Auch der Sitz federt
Doch zurück zum Thema Federn, die auch hinten eine Rolle spielen. Da sind zum einen die Federbeine, die für die Starrrahmenoptik versteckt montiert sind. Anderseits die sehr wohl sichtbaren Federn des nach alter Väter Sitte geformten Ledersitzes. Solche Sitze, natürlich nicht allzu gut für den direkten Kontakt mit der Maschine, gabs einst in Hülle und Fülle. Inzwischen ausgestorben, wirken sie wohl grade deswegen richtig cool. Zudem funktionierts: Doppelt gefedert gehts dem Fahrerhintern auch auf üblen Strassen prächtig.
Der spezielle Lenker
Erstaunlicherweise ist übrigens auch der Lenker, ein halbhoher Apehanger, selbst über längere Distanzen sehr erträglich. Nur bei engen Wendemanövern kann einem die Armlänge ausgehen.
Sound, Image
Baustelle. Üblicherweise ein sommerliches Ärgernis, mit der Cross Bones Gelegenheit für freundliche Begegnungen. Der Beat des V2 mischt sich mit den Schlägen eines Presslufthammers, und zwei Büezer zeigen mit dem Daumen nach oben. Dieses amerikanische Eisen hat etwas Bodenständiges, das den Herr Doktor gleichermassen anrührt wie den Handlanger.
Motor
Der Motor ist, wie bei den Softails üblich, fix im Rahmen verschraubt. Eine Ausgleichswelle filtert aber die Vibes des Schwungmassen-Kolosses fast vollständig weg, egal ob man steht oder fährt. Die Leistung entfaltet sich gleichmässig, unaufgeregt. Ein wenig mehr Schub würde man sich für die 333 kg Eisen zuweilen schon wünschen.
Kupplung, Getriebe
Der Motor gibt sich also dezent, und auch die leichtgängige Kupplung passt so gar nicht zu einem allfälligen Hardcore-Image. Immerhin ist den Liebhabern zünftiger Mechanik das Getriebe geblieben: Es braucht Zeit, bis die Getrieberäder nach einem Schaltvorgang neu sortiert sind, und dann fahren sie so wuchtig ineinander wie die Torflügel einer mittelalterlichen Burg.
Scheinwerfer
Nachdem das alkoholfreie Feierabend-Bier etwas länger gedauert hat, rollt man auf der Cross Bones entspannt nach Hause. Man bleibt locker, weil der Scheinwerfer die Fahrbahn überraschend gut ausleuchtet, dabei hätte man vom kleinen Rundscheinwerfer eher ein funzliges Lichtlein erwartet. So leuchtet die Dark Custom namens Harley-Davidson Cross Bones dem zufriedenen Reiter brav durch die dunkle Nacht.
Fazit
Die Cross Bones ist ein Poltergeist mit Attitüde. Stünde sie bei mir im Schuppen, würde ich die Federbeine rausreissen und auf die Ausgleichswelle des TwinCam verzichten – für den Rough Ride und die Good Vibes.
Erster Sitzkontakt auf der Swiss-Moto 2008. Coole Maschine. Aber dieser Lenker...!: