Test und Technik
Fahrbericht: Aprilia SMV 750 Dorsoduro
20.05.2008 00:00
Die SMV 750 Dorsoduro (italienisch: harter Rücken) ist eine potente Supermoto mit scharfer Linienführung, ausgeklügelter Drive-by-Wire-Technik und unerreichtem Preis-Leistungs-Verhältnis. Sie dürfte Aprilia den Rücken stärken. Text: Tobias Kloetzli Bilder: Milagro, Kloetzli
Mit dem Naked Bike SL 750 Shiver hat Aprilia vor knapp einem Jahr (Fahrbericht zur Shiver? Hier gehts lang) das erste Modell einer neuen V2-Reihe vorgestellt. Die SMV 750 Dorsoduro ist nun der zweiten Wurf. Mit ihr bieten die Italiener eine Alternative zu den Power-Supermotos der europäischen Konkurrenten BMW, Ducati und KTM. Dank Drive-by-Wire-System und verschiedenen anwählbaren Mappings glänzt sie mit drei völlig unterschiedlichen Leistungscharakteristiken. Zudem besticht sie mit einem interessanten Preis von lediglich rund 13'000 Franken.
Baukastenprinzip
Wie bei der Shiver sitzt der 90-Grad-V2 mit 750 ccm auch bei der Dorsoduro in einem Verbundrahmen aus Gitterrohrgeflecht und Alugussteilen. Die Seitenteile aus Alu-Druckguss sind identisch mit jenen der Shiver, das damit verschraubte Rahmenoberteil aus Stahlrohren ist an der Supermoto aber eine Spur länger und baut schmaler. Schlanker fällt auch das Heck mit dem nun zur Schau gestellten, schönen Gitterrohr-Heckrahmen aus.
Schwinge
Die neue Alu-Zweiarmschwinge ist im Vergleich zur Shiver 3 kg leichter, aber dennoch stabiler, sodass auch sie problemlos der asymmetrischen Belastung durch das am rechten Schwingenarm liegend montierte Federbein standhält.
Drive by Wire
Herz der SMV ist der bereits bekannte 750er-V2-Motor mit Vierventiltechnik (DOHC), Benzineinspritzung und elektronischem Motormanagement mit Drive-by-wire-System. Wie bei der Shiver wird auch an der Dorsoduro über den Gaszug lediglich ein Potenziometer angesteuert, das Informationen über Gasgriffstellung sowie Öffnungs- und Schliessgeschwindigkeit an einen Rechner weiterleitet, welcher unter Einbezug der Daten über Motordrehzahl und den eingelegten Gang die Drosselklappen und Benzineinspritzung steuert.
Foto: Motor mit Rechner und Stellmotor
Verschiedene Mappings
Über den Anlasserknopf kann während der Fahrt zudem zwischen drei verschiedenen Mappings gewählt werden: Im Sportmodus «S» setzt die Elektronik jede Bewegung am Gasgriff sehr direkt um. Wird «T» für Touring angewählt, nimmt sie dem Motor die gröbste Aggressivität und schont so den Fahrer. Für Regenfahrten oder bei rutschigem Untergrund kann «R» (Rain) gewählt werden, womit Bewegungen am Gasgriff deutlich langsamer umgesetzt werden, was einen auf schmierigem Untergrund vor unangenehmen Überraschungen bewahrt.
Dorsoduros "im Revier":
In jedem Modus ist letztlich aber entweder direkt, mit kleinerer oder mit grösserer Verzögerung die volle Leistung von 92 PS abrufbar.
Bei der Shiver standen bisher zwei Mappings zur Verfügung, das Software-Update auf drei Mappings kann jedoch bei jedem Aprilia-Händler auf den Bordcomputer geladen werden. Dorsoduro-Kunden dürften also auch in den Genuss späterer Updates kommen.
Auf Dorsoduros Rücken
Die Sitzbank der Dorsoduro ist mit 870 mm vergleichsweise hoch, dank
schmaler Taille finden jedoch Reiter ab 170 cm einen sicheren Stand. Die bis weit auf den Tank gezogene Sitzbank macht dem Namen Dorsoduro alle Ehre, sie ist tatsächlich recht hart gepolstert, aber dennoch nicht unbequem.
Man hat das Gefühl auf und nicht in dem Motorrad zu sitzen, und geniesst eine gute Übersicht. Die vom Lenker aus bedienbare, digitale Infozentrale mit Drehzahlmesser-Rundinstrument liefert alle wichtigen Informationen. Der breite Lenker sorgt für eine fahraktive Haltung, die Hebel für Kupplung und Vorderbremse sind vierfach einstellbar.
Ansprechverhalten Motor
Auf den ersten Anlasserknopfdruck macht sich der 750er mit einem
V-Twin-typischen, aber doch recht dezenten V2-Pochen bemerkbar. Ich schalte auf «S», um von Anfang an die ganze Sportlichkeit der Dorsoduro auskosten zu können. Über die holprige Auffahrt zur Hauptstrasse setzt der V2 kleinste, durch Erschütterungen hervorgerufene Bewegungen am Gasgriff sehr direkt um. Der Aprilia-Motor wirkt grausam aggressiv und nervös. Was auf der schlecht ausgebauten Anfahrtsstrasse noch genervt hat, macht auf der gut ausgebauten Strasse im Hinterland von Rom (I) dann allerdings richtig Spass. Ohne Verzögerung ist der V2 bei jedem Dreh am Gasgriff sofort mit Leistung zur Stelle.
Ab knapp 2000/min ist der Aprilia-Motor fahrbar, legt linear Leistung zu und steht ab knapp 4000/min gut im Saft. Für sportliches Angasen bewegt man sich allerdings vorzugsweise im Bereich zwischen 6000 und 8000/min. Dort ist die SMV dann allerdings so blitzartig mit viel Power zur Stelle, dass das Gas in Schräglage sehr fein dosiert werden muss.
Hier sorgt der «T»-Modus für willkommene Abhilfe und entschärft die Lage. Der Motor spricht nicht mehr ganz so aggressiv an, lässt aber dennoch nie Leistung vermissen. Im Touring-Modus verlangt die Gasdosierung weniger Konzentration und gibt so beim Piloten Ressourcen für anderes frei.
Dorsoduro-Motor von oben. Blick in den Drosselklappenkörper:

Am Limit ist die Supermoto mit der weniger spektakulären Entfaltung auch für geübte Fahrer einfacher und damit wohl auch zügiger zu bewegen. Die Einspritzung beeindruckt mit gutmütiger, ruckfreier und präziser Gasannahme, die auch perfekt abgestimmten Vergasern das Wasser reichen kann. Erstaunlich, wie sanft, geschmeidig, vibrationsarm und dennoch kraftvoll ein V2 werkeln kann.
...und da war noch der R-Modus
Der «R»-Modus nimmt der Supermoto jede Spritzigkeit. So kastriert, wird dieses Mapping wohl selbst im Regen nur selten gewählt allenfalls noch für Winterausfahrten mit dicken Handschuhen bei Schnee.
Gutmütiges Fahrverhalten
Der kultivierte Motor überzeugt also, doch wo ist die Dorsoduro bezüglich Fahrwerk und Fahrverhalten einzuordnen? Auch hier zeigt sie sich vertrauenerweckend und leicht beherrschbar. Aprilias Supermoto ist kein Sportgerät, lechzt nicht nur nach tiefen Schräglagen, lässt sich aber dennoch ohne übermässigen Kraftaufwand abwinkeln. In Schräglage stellt sie sich auf der Bremse nur minimal auf und folgt spurtreu der gewählten Linie.
Fahrwerk
Das sehr straff abgestimmte Fahrwerk sorgt für gutes Feedback, die übermässige Härte geht aber auf Kosten des Fahrkomforts und gibt Unebenheiten fast ungedämpft an den Fahrer weiter. Unter Vollgas geht die Härte bei hohen Tempi sogar zulasten der Geradeauslaufstabilität.
Bremsen: ab September mit ABS erhältlich
Eine weichere Abstimmung der voll einstellbaren USD-Gabeln dürfte Abhilfe schaffen.Die vordere Bremsanlage mit zwei Wave-Bremsscheiben und radial montierten Vierkolbenzangen verzögert brachial, hat einen klaren Druckpunkt und verlangt relativ wenig Handkraft. Mit dem nötigen Feingefühl ist sie gut dosierbar. Ab September gibt es sie mit ABS. Die Hinterradbremse funktioniert tadellos. Die Kupplung verlangt mittlere Handkraft, ist leicht dosierbar, das Getriebe ist eng gestuft und lässt sich knackig schalten.
Boy, lass es rauchen:
Aprilia-Bestseller
Die Dorsoduro ist eine einfach zu fahrende, nicht zu aggressive, aber doch potente Mischung aus Supermoto und Naked Bike. Sie überzeugt mit scharfem, elegantem Design und hat dank hübschem Gitterrohrrahmen einen charakterstarkem Auftritt. Mit nur gerade 12 Liter Tankvolumen ist die Reichweite stark eingeschränkt, ein Gepäckträger fehlt. Immerhin werden Soziusfussrasten im 2-Personen-Kit in einer Kiste mitgeliefert. Für die Mehrtagestour ist als Zubehör zudem ein Koffersystem (Preis noch offen) erhältlich. Die vielen Tankstopps dürften jedoch auf einer längeren Tour nerven.
Konkurrenzfähigkeit
Dennoch erhält der Kunde ein sehr vielseitiges, einfach zu fahrendes und trendiges Motorrad zu einem sensationellen Preis die Vergleichsmodelle schlagen mit mindestens Fr. 4000. mehr zu Buche.
Nicht zuletzt deshalb will Marco Biondi, Product-Manager bei der Aprilia-Importeurin Mohag AG, in der Schweiz bis Ende Jahr 120 Dorsoduros absetzen, womit diese neben der Shiver zu Aprilias Bestseller
avancieren würde.
Fazit
Mit der Dorsoduro hat Aprilia ein heisses Eisen im Feuer. Sie begeistert mit scharfem Design sowie vielseitigem, kraftvollem, aber unkompliziertem Motor. Sie ist keine Sport-Supermoto, sondern ein peppiges Naked Bike im Supermoto-Stil. Der Konkurrenz ist sie in fast allen Aspekten ebenbürtig und sticht diese mit sensationellem Preis-Leistungs-Verhältnis sogar aus.
Offizielle Videos:
Dies sind die zwei offiziellen Videos von Aprilia. Das erste macht Appetit auf das Lifestyleprodukt, das zweite zählt die technischen Highlights der Dorsoduro auf:
Fotosektion:
Besonders attraktiv an der Dorsoduro ist ihr Heck mit der schön integrierten Auspuffanlage:
Zeugt ebenfalls von hoher Qualität und Bewusstsein fürs Detail: schöner Seitenständer.

Design: Die Front mit dem Scheinwerfer war schon dem Zeichner der Dorsoduro enorm wichtig:
Und die Umsetzung an der Dorsoduro:
Da machen Stoppies und Wheelies Spass:

Das schnalzt der Kenner genussvoll mit der Zunge: Voll einstellbar Upside-down-Telegabel:

Bremsanlage. Ab September 2008 auch mit ABS erhältlich:

Diese Fotos zeigen gut die Schlankheit der Dorsoduro, welche sich aufs Handling auswirkt:


Der Motor stammt aus der Shiver:

Cockpit:
Angriff!!!!!!!!!!!!
Im Supermoto-Stil um die Kurve:
Auf einen Blick
(Beste Note: 5 Punkte, schlechteste Note: 1 Punkt)
| In der Stadt | 4 Punkte |
| Auf grosser Tour | 2 Punkte |
| Sportlich fahren | 4 Punkte |
| Zu zweit unterwegs | 3 Punkte |
| Emotionen | 4 Punkte |
Technische Daten Aprilia SMV 750 Dorsoduro
Motor
| Bauart | Flüssigkeitsgekühlter V2-Viertakter, Kurbelwelle quer liegend. Zylinderwinkel 90°. |
| Ventilsteuerung | Zwei oben liegende, über Zahnkette und Zahnrad gesteuerte Nockenwellen betätigen direkt über Tassenstössel je zwei Einlass- und Auslassventile pro Zylinder |
| Bohrung x Hub | 92 × 56,4 mm |
| Hubraum | 749,9 ccm |
| Verdichtung | 11,0:1 |
| Gemischaufbereitung | Elektronisches Motormanagement von Marelli mit Benzineinspritzung (je 1 Düse pro Zylinder), elektronischer CDI-Zündung und Ride by Wire mit unabhängiger vollelektronischer Drosselklappensteuerung für jeden Zylinder. |
| Drosselklappen-Durchmesser | 52 mm |
| Ventildurchmesser: Einlass/Auslass | - |
| Schmierung | Nasssumpfschmierung |
| Auspuffanlage | 2-1-Auspuffanlage (rostfreier Stahl), 3-Weg-Katalysator, Lambda-Sonde |
| Starter | E-Starter |
Leistungsdaten
| Max. Leistung | 92 PS (67,7 kW) bei 8750/min |
| Max. Drehmoment | 8,4 mkg (82 Nm) bei 7000/min |
| V-max. | - |
Kraftübertragung
| Kupplung | Zahnradprimärantrieb, gerade verzahnt. Hydraulische Mehrscheiben-Nasskupplung. |
| Gänge | Sechsganggetriebe |
| Endantrieb | Endantrieb über Dichtringkette links |
Fahrwerk
| Rahmen | Verbund-Brückenrahmen aus Stahlgitterrohr, Fontpartie verschraubt mit Seitenteilen aus Alu-Druckguss; Stahlrohrheck verschraubt, Motor mittragend. |
| Federung vorne | Vorn ölgedämpfte, voll einstellbar Upside-down-Telegabel |
| Gabelinnenrohr-Durchmesser | 43 mm |
| Federung hinten | Hinten Zweiarmschwinge aus Leichtmetallguss, Mono-Federbein rechts, direkt angelenkt, in Federbasis und Auswärtsdämpfung einstellbar. |
| Federweg vorn/hinten | 160 mm / 160 mm |
Räder
| Rädertyp | Leichtmetall-Gussräder. Schlauchlose Radialreifen Dunlop Sportmax Qualifier. |
| Felgendimension vorn | MT 3.50 × 17 |
| Felgendimension hinten | MT 6.00 × 17 |
| Reifendimension vorn | 120/70 ZR17 |
| Reifendimension hinten | 180/55 ZR17 |
Bremsen
| Bremse vorn | vorn zwei halb schwimmend gelagerte Wave-Stahlscheiben (320 mm) mit radial verschraubten Vierkolbenzangen. Stahlflex-Bremsleitungen. |
| Bremse hinten | Hinten Einscheibenbremse (240 mm) mit Einkolbenzange. |
| ABS | vorerst nicht. Im September 2008 kommt eine ABS-Version auf den Markt |
Abmessungen und Gewichte
| Radstand | 1505 mm |
| Lenkkopfwinkel | 64° |
| Nachlauf | 108 mm |
| Leergewicht fahrfertig voll getankt | 206 kg |
| Sitzhöhe | 870 mm |
| Tankinhalt (davon Reserve) | 12 l |
Farben
| Schwarz | |
| Silber | |
| Rot | |
| Ursprünglich wurde eine Dreifarben-Variante vorgestellt. Dies kommt aber leider defintiv nicht. Möglich, dass es sie (mit goldfarbenem Rahmen) als S-Version oder als Limited Edition später gibt. | |
| x |
Preis, Lieferung per, Import
| Preis | Fr. 13'105. inkl. NK |
| Erstmöglicher Liefertermin | ab Juni 2008 |
| Import über | Mohag AG, Bernerstrasse 202 Nord 8064 Zürich, Tel. 044 434 87 87 (oder siehe Link) |
Sonstiges, Bemerungen
| Bemerkung | Erhältlich auch mit 25 kW/34 PS, Umbaukosten je nach Händler. Ab September 2008 mit ABS erhältlich |
Konkurrenten
| BMW HP2 Megamoto |
| Ducati Hypermotard |
| KTM 690 Duke |
| KTM 990 Supermoto |
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